Bruce macht sich Gedanken ...

Weltschieflage

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Als ich neulich meine Blog-Beiträge durchforstet habe, bin ich bei diesem hier hängen geblieben:

http://www.hoerspass.net/blog/entry....tirische-Rasur

Wie wir alle erleben mussten, hat sich meine damalige Befürchtung, die französische Satire könne Menschenleben kosten, leider bewahrheitet.

Es ist sogar alles nur noch viel schlimmer geworden. Die Welt steht unter dem Eindruck dschihadistischen menschenverachtenden Terrors im gesamten Nahen Osten. Nachdem durch den arabischen Frühling und die beiden Golfkriege die gesamte Region in ein Machtvakuum gestürzt worden ist, schickt sich die IS an, dieses mit einem mittelalterlichen Terrorregime zu füllen.

Erschreckenderweise scheint diese Organisation eine gewisse Anziehungskraft auf kampfbereite Männer auf der ganzen Welt zu besitzen. Das ist mir unbegreiflich. Ich verstehe vom Islam zu wenig, um beurteilen zu können, ob das ein religiöses Phänomen ist, oder schlicht ein gesellschaftliches oder beides.

Mir scheint, den Islam als Weltreligion gibt es gar nicht. Eine gemeinsame Linie der verschiedenen Religionsvertreter ist Regionen übergreifend nicht zu erkennen. So gebaren sich Teile des Islams wie das Christentum zu Zeiten der Kreuzzüge. Eine Aufklärung oder eine moderne Interpretation der Religion fehlt m.E. in weiten Teilen dieser Religionsgemeinschaft.

Eine derart veraltete Gottesstaatlichkeit kann man akzeptieren, wenngleich es auch für das westliche Werteempfinden verabscheuungswürdig ist, wenn das innerhalb eines gewachsenen Staats und ohne expansiv aggressive Tendenzen geschieht, wie bspw. in Saudi Arabien. Im Falle der IS ist das aber eine weltweite Bedrohung.

Wahrscheinlich wurden diese Gangster aber auch großzügig unterstützt, denselben Fehler haben damals die Amerikaner bei den Taliban gemacht. Wie man es dreht und wendet, das Kind ist in den Brunnen gefallen, und wie man nun schmerzhaft bemerkt, kann es dort ohne „Sekundärschäden“ auch nicht mehr heraus geholt werden. Es ist ein Jammer.


Die zweite große Baustelle, die den Frieden in Europa noch viel unmittelbarer gefährdet, erleben wir in der Ukraine. Auch hier haben wir eine verfahrene, höchst gefährliche Situation mit tausenden Toten. Mitten drin Russland, in den letzten zwanzig Jahren von der Supermacht zur Randnotiz der Weltpolitik abgestempelt.

Davon scheint der „Zar“ nun genug zu haben und sendet das eindeutige unmissverständliche Signal, dass die Grenze dessen, was man zu ertragen bereit ist, erreicht ist.

Ist das falsch? Natürlich. Der reinen Lehre nach ist die Ukraine ein souveräner Staat, der machen kann, was er gerne möchte, natürlich im Einklang mit internationalem Recht.

Faktisch ist sie das nicht. Wirtschaftlich am Gashahn von Russland hängend, militärisch nicht verteidigungsfähig (wie wir m.E. alleine auch nicht) und geografisch, sowie historisch mit Russland vielfältig verbunden. War es da klug, Russland bei den Verhandlungen mit dem Westen quasi außen vor zu lassen? Und ich spreche jetzt nicht von den Ukrainern.

Ich kann mich gut an die Rede von Putin im Bundestag vor 14 Jahren erinnern: http://www.bundestag.de/kulturundges...in_wort/244966

Was ist aus diesen Worten geworden? Sowohl der Westen, insbesondere die USA, als auch Russland haben in der Zwischenzeit Kriege geführt, um ureigene Interessen durchzusetzen, Russland immerhin „vor der eigenen Haustür“. Von strategischer Partnerschaft haben sich die Parteien immer weiter entfernt.

Stattdessen rückte die Nato mit der Osterweiterung immer weiter an Russland heran. Die Befürchtung, mit dem Assoziierungsabkommen der Ukraine mit der EU wäre eine Natomitgliedschaft auch nicht in weiter Ferne, kann man da schon nachvollziehen.

Ich bin nun kein Politiker, aber mir hätte die Vorstellung gefallen, die Ukraine als Bindeglied zwischen der EU und Russland zu betrachten und entsprechenden Trilaterale Verträge in Erwägung gezogen. Das hätte Russland wieder näher an Europa bringen können.

Stattdessen erleben wir die Durchsetzung der Interessen mit der Brechzange, mit den bekannten Folgen. Nur haben wir es hier nicht mit durchaus gefährlichen Terroristen zu tun, eine Eskalation der Gewalt könnte unvergleichlich viel höhere Opfer nach sich ziehen.

Ein Krieg in und mit Europa scheint nicht mehr so utopisch wie noch vor zehn Jahren. Demzufolge halte ich die Idee amerikanischer Falken, die Ukrainer mit schweren Waffen auszurüsten, für unglaublich blöde. Jedenfalls blöde für uns.

Auch hier ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, die Lösung hierzu muss aber diplomatisch erfolgen, in einer Art und Weise, die allen Beteiligten akzeptabel vorkommt.

Versteht mich nicht falsch. Ich halte nicht viel von Putin und den aktuellen Zuständen in Russland. Russland ist aber wie eine Big Bank, too big to fail. Ein neuerlicher Zerfall wie anno damals in den 90gern bei der Sowjet-Union wäre mit zu hohen Risiken verbunden.

Wenn ich mir die Reaktionen insbesondere in den USA aber so anschaue, vermisse ich das notwendige Fingerspitzengefühl. Vielleicht kann dieses ja die EU aufbringen und sich ein Stück weit emanzipieren. Es wäre zu hoffen.

Das waren jetzt nur zwei Brandpunkte auf der Welt, es gibt noch einige mehr, man schaue nur nach Zentralafrika. Alles in Allem ist die Lage ziemlich bescheiden, als ich jung war, lebte man mit der Gewissheit, dass die Welt morgen schon atomar verdampft werden könnte. Die Ängste heute sind vielschichtiger und diffuser. Die Welt ist bestimmt kein sichererer Platz geworden seit damals.

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Aktualisiert: 06.02.2015 um 11:38 von Bruce

Stichworte: europa, islam, russland, ukraine, usa Stichworte bearbeiten
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Kommentare

  1. Avatar von Plüschus
    Ich

    bin davon zutiefst überzeugt , daß ....

    Im Falle der IS ist das aber eine weltweite Bedrohung.
    .... der immer größer werdende Unterschied zwischen Wohlstand und Armut , Macht und absoluter Bedeutungslosigkeit ein Entstehen von solchen terroristischen Banden wie IS stark fördert . Trifft dann noch Dummheit und fehlende Bildung auf falsche Propheten und Prediger ist es nicht mehr weit zu solchen Erscheinungen - mögen sie IS , Bokoharam oder anders heißen. Das Bewußtsein über die eigene Armut , Dummheit , Machtlosigkeit und absoluter Chancenlosigkeit findet einen Kanal in den Haß auf alles , was anders ist als man selbst. Und das wird bewußt von wenigen "Führern" , die "Religion" als Mittel für ihre Zwecke betrachten, ausgenutzt .
  2. Avatar von Franz
    Ja, bruce, da hast du leider wie zu erwarten war, Recht behalten. Eigentlich ist es noch schlimmer gekommen, als ich es für möglich hielt. Was da in Syrien und Im Irak passiert, ist an Grausamkeit, an Entmenschlichung nicht mehr zu überbieten. Das alles geschieht unter dem Deckmantel des Glaubens. Dabei glauben die, die dafür stehe, nur an eines: An die Gewalt. Man kann nur hoffen, daß die zivilisierten Länder da einig werden, daß solch ein grauenvolles Abschlachten unter keinen Umständen zugelassen werden kann. Aber ich denke auch, daß solange Saudi Arabien mitten drin ist in diesem finsteren Mittelalter, wird es nichts werden damit. Denn die mächtigen Saudis scheuen nichts mehr als den Machtverlust, sie haben all diese Brut immer genährt. Und der Westen hat sie auch immer hofiert und mit ihnen Geschäfte gemacht. Der gordische Knoten für eine Lösung läßt sich also kaum durchschlagen, es wird Jahrzehnte brauchen, bis vielleicht eine mehr gebildete Jugend diese ganzen Scheißkerle zum Teufel jagt.

    Im Ukraine-Konflikt haben sich der Westen und die USA ziemlich dämlich benommen. Das alles hätte so nicht passieren müssen, für mein Empfinden hat man sich zu einseitig auf die Seite der Kiewer Regierung gestellt. Es ist eine historisch gewachsene Tatsache, daß die Ostprovinzen der Ukraine nunmal ganz eng mit Rußland verbunden sind, man hätte ihnen im Rahmen einer Förderalismus-Reform mehr Rechte frühzeitig einräumen sollen.

    Ich prophezeie eine Spaltung der Ukraine, der Kalte Krieg wird in eine neue Runde einziehen. Was wir brauchen, sind besonnene Politiker, die auf Distanz zu Amerika gehen. Sonst habe ich die Befürchtung, daß wir, d.h. Europa eines nicht mehr zu fernen Tages auf dem Altar der amerikanischen Interessen geopfert werden. Ich traue den Amerikanern nicht mehr, sie verfolgen meist nur ihre eigenen Interessen.
  3. Avatar von beamter77
    Swar immer so.
    Jeder verfolgt seine "eigenen" Interessen.
    Die Welt lag "für uns" schon mal wesentlich "schiefer".

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