Bruce macht sich Gedanken ...

Bildungs-Mosaik

Bewerten
Ich weiß nicht, wer von Euch Kinder im schulpflichtigen Alter hat, aber generell ist die Bildungssituation in Deutschland ja durchaus ein interessantes Thema. Was mir momentan akut aufstößt, mich aber generell stört, ist der föderale Charakter des Bildungswesens in Deutschland. Jedes Land kocht sein eigenes Süppchen, was zu seltsamen mitunter chaotischen Zuständen führt. Mehr noch, je nach Reichtum des Kochs ist die Suppe ein kräftiger Eintopf oder eher eine dünne Brühe. M.E. ist dieser Zustand nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, insbesondere nicht mit Artikel 3(3):

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Die Realität sieht völlig anders aus. Es ist keinesfalls eine Gleichheit der Ausbildungsqualität innerhalb der Deutschlands gegeben. Ich beschränke mich nur mal auf die Schulen, denn der Besuch von Universitäten geschieht ja freiwillig. Aber wenn ich sehe, wie sich Landesregierungen an Kindern und Jugendlichen versündigen, kann ich nur noch sauer werden. Die vielfach geforderte Flexibilität von Berufstätigen kollidiert sehr oft mit der Inkompatibilität von Schulstandards. Ein Umzug von einem G9 Land in ein G8 Land ist mit sehr oft mit Schwierigkeiten verbunden. Hat das Kind Französisch als erste Fremdsprache (bspw. in unserem schnuckelichen Ländchen) und ein Berufswechsel führt dazu, dass es nur noch Schulen gibt, die das gar nicht anbieten, dann hat das Kind ein massives Problem. Von den sonstigen Lehrstandards will ich gar nicht sprechen, auch nicht davon, dass Schulen reicher Länder oftmals ganz anders ausgestattet sind als Schulen armer Länder, auch personell.

Das Saarland ist ja mit der Einführung des achtjährigen Abiturs vorgeprescht, andere Länder sind gefolgt. In vielen Ländern hat man aus den Erfahrungen damit die Konsequenz gezogen und kehrte zu G9 zurück oder bietet Auswahlmöglichkeiten.

Generell halte ich G8 für tragbar, wenn die Begleitumstände stimmen. Bei uns ist es eine mittlere Katastrophe, jeder Lehrer, jeder Schüler, jeder Verein bemängelt die Folgen von G8, die Industrie kann mit minderjährigen Abiturienten i.d.R. auch nicht so recht etwas anfangen. Ich als Vorstandsmitglied eines Sportvereins teile die Erfahrungen mit anderen Vereinen, dass es einen regelrechten Cut seit Einführung von G8 gegeben hat, der die Mitgliedszahlen bei Kindern dieser Klassenstufen dramatisch einbrechen hat lassen. Sport/Hobbies für G8 Kinder sind eine organisatorische Herausforderung.

Hinzu kommt, dass das Saarland nur noch zwei reguläre Schulformen nach der Grundschule hat: Gymnasium und Gemeinschaftsschule, an der man tatsächlich nach 9 Jahren Abitur ablegen kann. Diese Möglichkeit wird den Gegnern von G8 immer wieder von unserem (m.E. völlig inkompetenten) Kultusminister vorgehalten, als ob es eine vollwertige Alternative zum Gymnasium sei. IST ES NICHT! Denn in den ersten Schuljahren wird dort der Unterricht, der je nach Abgang zum Hauptschul/Realschulabschluss oder eben Abitur führt, gemeinsam gehalten.

D.h. die Klassen setzen sich aus allen möglichem Klientel zusammen, inklusive Problemkindern und Kindern, die kein Deutsch können und im Laufe der Jahre auch aus Schülern, die am Gymnasium gescheitert sind. Dieser Anteil ist im Übrigen im Saarland recht hoch (ich spreche aus Erfahrung, alleine in der Klasse meiner großen Tochter sind 7 Schüler gescheitert), weil die Grünen, als sie regierungsbeteiligt waren, die Empfehlungspflicht für das Gymnasium abgeschafft haben (ich vermute da Eigeninteresse …).

Das führt zu skurrilen Situationen, bei denen Topschüler nicht im Gymnasium ihrer Wahl aufgenommen werden können, weil es mehr Bewerber als Plätze gibt und so auch m.E. völlig überforderte Schüler aus übersteigertem Ehrgeiz der Eltern an Gymnasien aufgenommen werden (mit den logischen Konsequenzen).

Es ist völlig logisch, dass sich diese allfällige Zusammensetzung der Gemeinschaftsschulklassen auf das Niveau und das Klassenklima auswirkt, zumal ja das „Gemeinschaftliche“ an der Gemeinschaftsschule dazu führt, dass das Lernniveau nicht stetig bis zum Abitur steigt. Das alles führt dazu, dass dieser neunjährige Weg zum Abitur eine verschwindend kleine Rolle spielt.

Aus diesen ganzen Beschwerden resultierte ein Volksbegehren, das nach saarländischer Verfassung dazu führen soll, G9 wieder einzuführen oder einen Volksentscheid herbeizuführen. Nach saarländischer Verfassung ist hierzu ein Votum von 7% aller Wahlberechtigten (ca. 55.000 Stimmen) notwendig. Das sind bedeutend mehr als zum Einzug in den Landtag notwendig sind, denn hierzu benötigt man nur 5% der abgegebenen Stimmen!

Weiterhin sind gerade die, die betroffen sind, nicht wahlberechtigt. Darüber hinaus war eine Stimmabgabe nur im Bürgeramt, bei dem man gemeldet ist, durch persönliche Unterschrift (!) möglich. Also nur zu Öffnungszeiten, keine Vollmacht akzeptiert.

Ich habe es trotz all diesem Unbill geschafft, mein Votum abzugeben. Aber wen wundert es, dass nicht genügend Stimmen zusammengekommen sind, obwohl laut einer Forsa-Umfrage 72% aller Eltern pro G9 sind? Laut G9-Initiative wird mit ca. 30.000 Stimmen gerechnet, was angesichts der Umstände für mich immer noch ein starkes Votum ist (die Grünen wären froh gewesen, wenn sie so viele Stimmen bei der Landtagswahl bekommen hätten, das hätte nämlich locker zum Einzug in den Landtag gereicht). Ich bin mir sicher, dass der Kultusminister dieses Scheitern mit Ansage dazu nutzen wird, pro G8 zu argumentieren und weiterhin die Realitäten nicht sehen möchte.

Angesichts dieses ganzen Bildungskuddelmuddels bin ich schon seit Jahren der Meinung, dass Bildung niemals Landessache sein darf! Dieses Thema gehört in Bundeshand und in den Bundeshaushalt zur Wahrung von Standards und Chancengleichheit.

Aber ich träume mal wieder, im letzten Fiebertraum habe ich von der Abschaffung des Solibeitrags geträumt und von der Abschaffung der Schaumweinsteuer .. die kaiserliche Kriegsmarine dürfte mittlerweile ausfinanziert sein.

"Bildungs-Mosaik" bei Twitter speichern "Bildungs-Mosaik" bei Facebook speichern "Bildungs-Mosaik" bei Mister Wong speichern "Bildungs-Mosaik" bei YiGG.de speichern

Aktualisiert: 05.01.2018 um 10:59 von Bruce

Stichworte: bildung, schule Stichworte bearbeiten
Kategorien
Der alltäglicher Ärger

Kommentare

  1. Avatar von Plüschus
    Es

    ist anzunehmen , daß einige im Süden der Republik liegenden Bundesländer im "Bildungsranking" ihre Vorrangstellung vor lauter Gleichmacherei dann verlieren würden .
    Wo kämen wir hin , wenn das bayrische Abiturniveau dem Berliner Niveau gleichzusetzen wäre .....................................

Trackbacks