PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Darling



Bruce
17.11.2013, 19:50
Heute möchte ich eine neue Box aus meiner Schmiede vorstellen, die sich an die gesamte highfidele Familie wendet. Jeder kennt das Problem, dass die Boxen, die gut klingen, nicht immer den Gefallen der Liebsten finden. So muss der geneigte Musikliebhaber in ein eigenes Hörzimmer ausweichen, was aber auch nicht jeder kann.

Also etwas optisch Gefälliges muss her, das aber trotzdem zum ernsten Musikhören geeignet ist. Everbody's Darling sollte es werden, was letztendlich den Namen der Box bestimmte.

Inspiriert durch die große Sonybox aus Clausens Winterforenfete und im Hinterkopf die Ära der schlanken Säulen a la Braun LS200 oder Elac EL 135 der guten alten Zeit habe ich mich dazu entschlossen, eine solche Box zu entwerfen mit Doppelbassbestückung (175mm), 50mm Mitteltonkalotte und 20mm Hochtonkalotte. Das Ganz soll als Halbstrahler fungieren, was bei der Bestückung sich quasi automatisch ergibt.

Als Bass wählte ich einen deutschen Bass aus dem Hause LPG Haus Ulm aus, der von Monacor vertrieben wird (SPH 175HQ). Wer sich erinnert, diesen Bass hatte ich als Bestückung der Forumsbox ausgewählt, fand ihn aber relativ schwierig in diesem Konzept zu beschalten. In einer 3-Wege Box allerdings liegen seine Resonanzschweinereien weit genug oberhalb seines Übertragungsbereichs, so dass hier keinerlei Bedenken mehr herrschen.

Als Mitteltonkalotte fungiert die sehr gut beleumundete Dayton RS52AN. Viel Auswahl hat der DIYler sowieso nicht mehr bei echten Mitteltonkalotten, aber unabhängig davon hat dieses Chassis erstklassige Eigenschaften. Kurioserweise ist dieses "amerikanische" Chassis made in India.

Als Hochtöner kommt eine Seas Alu Kalotte zum Einsatz. 20mm für ein gutes Rundstrahlverhalten, breite Sicke für tiefe Einsetzbarkeit, die hier aber gar nicht notwendig ist. Durch den Einsatz des dritten Wegs arbeiten alle Chassis weit entfernt von irgendwelchen Problembereichen, was für den guten Klang nur förderlich sein sollte.

Das Chassisquartett ist also mal wieder international:deutsch/indisch/norwegisch . Meine Aufgabe war es, dass die Chassis sich trotzdem verstehen.

Kommen wir zum Gehäuse. Eine schlanke Säule sollte es werden. Meinen ursprünglichen Plan, die Mittelhochtoneinheit aussersymmetrisch zu platzieren habe ich ganz schnell wieder aufgegeben. Zeichnungen am lebenden Objekt zeigten, dass das einfach shice aussieht, und gut aussehen sollte sie ja, die Darling.

Also klassische Anordnung, separate Abteile für die Bässe. Meine langjährige Erfahrung sagte mir, dass der durchschnittliche Heimwerker nicht anständig lackieren kann, also hab ich es erst garnicht versucht. Es kommt ein ähnliches Konzept zur Anwendung wie beider Forumsbox, also Echtholz mit Kunstleder, nur hier jetzt mal umgekehrt. Front und Deckel werden mit Escheleimholz aufgedoppelt, Seiten und Rücken mit Kunstleder bezogen. Das schaut am Ende sehr hübsch aus.


Es folgt eine kleine Dokumentation des Aufbaus.


Auf eine Seite werden sämtliche Bretter aufgeklebt. Die Abteile sind schräg zur Verminderung von Gehäusestehwellen. Die Trennwände stabilisieren die Seiten.
14553


Gedämmt wird vor dem Schließen der Box, da Basotect sich nicht hinreichend biegen lässt, um durch die Chassisausschnitte montiert werden zu können. Zuleitungen müssen auch schon verlegt und abgedichtet werden.
14555

Mit reichlich Druck wird das Gehäuse verschlossen. Anschliessend werden mit grobem Schleifpapier alle Überstände begradigt. Mehr Vorarbeit ist nicht notwendig, da eben nicht lackiert wird.
14556


Das Kunstleder wird an den Stoßkanten zum Echtholz umgeschlagen,folglich muss dort Platz geschaffen werden. Die Oberfräse erledigt diesen Job.
14558

Nachdem das erledigt ist, wird das Kunstleder aufgezogen. Hierbei wird es mit einem Sprühkleber angeklebt und anschliessend mit Tackerklammern fixiert. Wenn man hier ohne übermäßigen Zug vorgeht, stellt sich ein schöne glatte Oberfläche ein.
1456014562

Jetzt geht es an die Beplankung der Front und des Deckels. Diesewerden auf Gehrung geschnitten und mit Übermaß (nicht zuviel!) und reichlich Kleber angeklebt.
14559

Die überstehenden Kanten fallen nun dem Bündigfräser zum Opfer.Sorgfältig und sparsam eingesetztes Fugenacryl sorgt im Übergangsbereich für einen sauberen Anschluss der beiden Materialien.


Anschließend werden die Kanten angefasst, die Chassisausschnitte gefräst und gesägt. Dabei muss ich sagen, dass ich wußte, dass Esche generell ein hartes Holz ist: diese Esche allerdings hatte wohl mal was mit einem Granitblock.


Eine Bienenwachslasur sorgt für Schutz, Glanz und schöne Optik.Zum Schluss noch ein ordentliches Fundament et voila: Fertig ist die Box. Naja, zumindest die Schreinerarbeit.
145641456714569145731457214568

14571 14570
Auf den Bildern kommt es immer anders rüber, als in Natura (das menschliche Auge ist auch gnädiger als eine Kamealinse), aber ich finde sie durchaus wohnzimmertauglich.

Zu den technischen Eigenschaften schreibe ich später noch mehr, zunächst das Klanggeschwurbel, wie immer verkürzt, da ich in sowas bekanntlich nicht gut bin.

Die beiden 17er bauen ein authoritäres Bassfundament auf. Da fehlt es subjektiv an nichts. Entlastet vom Mittelton stellt sich ein federndes Klangbild ein. Der Mittelhochtonbereich ist klar, quirlig und detailliert. Der dezidierte Mitteltöner sorgt bei jeder Lautstärke für Übersicht.

Und laut kann diese Box, obendrein ist sie auch wesentlich wirkungsgradstärker als die Forenbox. Ich könnte mir gut eine schöne kleine Röhre daran vorstellen,vielleicht lege ich mir sowas mal zu, um das auszutesten. Dann wird der Impedanzverlauf natürlich auch entzerrt. Dass diese Box so gut wie sinnvoll neutral abgestimmt ist, versteht sich von selbst. Dazu aber später mehr.


To be continued …

Eusebius
17.11.2013, 20:03
Wow!
Klasse!

Franz
17.11.2013, 20:08
Schöne Erscheinung, mir kann sie optisch schon mal gefallen.

Plüschus
17.11.2013, 20:53
Hi,

das sind echte Formenklassiker ! :)
An die Elac EL135 habe ich viele angenehme Erinnerungen. Sie hatten einen angenehmen, warmen Klang und -ganz wichtig- sie ließen sich gut verkaufen ! Die Dynaudio Kontour II hatte auch eine ähnliche Bestückung: 2x175mm TT; 54mm MT Kalotte; 28mm HT Kalotte. Beides Lautsprecher die echt Spaß gemacht haben und heute das sicher auch noch machen würden !

Ich finde....


zunächst das Klanggeschwurbel, wie immer verkürzt, da ich in sowas bekanntlich nicht gut bin.

... das klappt doch schon echt gut :loyal:

Würde ich mir gerne mal anhören. Schade , daß wir so weit auseinander wohnen.

Gruß Thomas

reinwan1
17.11.2013, 21:07
Die ist wirklich richtig hübsch ! :eagerness:

Kannst Du noch die Maße angeben?

Bruce
17.11.2013, 21:20
Die ist wirklich richtig hübsch ! :eagerness:

Kannst Du noch die Maße angeben?

Na klar: 1100x220x380 (HxBxT) inkl. Sockelbrett.

reinwan1
17.11.2013, 21:22
Danke! :adoration:

sidsel
18.11.2013, 10:54
Optisch sehr gut. Besonders das mit der Kunstlederbespannung gefällt mir. :eagerness:

Bruce
21.11.2013, 16:45
So, für die Messfetischisten unter uns (also ich :biggrin-new:) ein paar Messungen der Darling.

Zunächst einmal die Pflicht: Frequenzgang gegated auf Achse:

14615
Das sieht ja schon mal nicht schlecht aus. Ich ziehe die y-Achse nochmal auseinander (nicht, dass das in den Testzeitschriften passieren würde, aber ich hab nix zu verbergen). Im großen und ganzen liegt der Achsen-FG innerhalb plus minus 1 dB (passiv, nicht DSP entzerrt).
14612
Jetzt das horizontale Rundstrahlverhalten, zunächst 0 Grad, 15 Grad, 30 Grad.
14616

Und jetzt 0 Grad 45 Grad 60 Grad (ich hab noch nicht herausgefunden, wie man mit Holms mehr als drei Kurven gleichzeitig darstellt).

14611
Das Rundstrahlverhalten ist vergleichsweise gut, die Box strahlt horizontal breit und gleichmäßig ab, die Dispersion im Superhochton ist der Physik geschuldet, an die ich mich grundsätzlich bei meinen Entwicklungen halte ... Ziel erreicht. es gänge noch wenig besser, wenn man die Frontplatte etwas runder gestalten würde. Der leichte Erker bei 3 kHz ist klar ein Kanteneffekt, den könnte man im wahrsten Sinne des Wortes noch wegfeilen. Aber perfekt wäre ja langweilig...

So, zum Schluss noch eine zusammengesetzte Messung zwischen gegateten Summenfrequenzgang und Nahfeldmessungen der Bässe (ca 50cm, gegated und bandpassed) und BR (Nahfeld 1cm, gegated und lowpassed). Leider kann man im normalen Hörraum sonst keine Aussage über die Bassqualitäten treffen, so kann man sich aber behelfen (Level jeweils im "Ansatz" an die anderen Kurven angepasst).
14610
Die Tunungfrequenz liegt bei 33 Hz. Die könnte ein klitzklein wenig höher liegen, aber lassen wir die Kirch im Dorf. Bass ist Raumakustik.

Nun noch der Impedanzgang, einmal mit einmal ohne Impedanzkorrektur:

14614
Der Verstärker sieht im Schnitt ein 4 Ohm Box. Wem der Hochtonverlauf noch nicht passt (beispielsweise wegen einem Class D Amp mit mangelnder Hochtondämpfung) ... auch das kann man einstellen. Guckt Du:

14613

Wenn ich Zeit und Musse habe, stell ich noch ein paar weitere Messungen ein.

Plüschus
21.11.2013, 17:22
Das

sieht ja richtig neutral aus :loyal: !

Mal als kleine Nachhilfe für mich : mit gating ist (Zeit)fensterung gemeint ? Je größer der Raum in dem gemessen wird desto tiefer die Grenzfrequenz der Fensterung ?

Gruß Thomas

Bruce
21.11.2013, 17:24
Das

sieht ja richtig neutral aus :loyal: !

Ja, langweilig, ich weiß :bull_head:



Mal als kleine Nachhilfe für mich : mit gating ist (Zeit)fensterung gemeint ? Je größer der Raum in dem gemessen wird desto tiefer die Grenzfrequenz der Fensterung ?

Gruß Thomas

Jepp, man blendet über die Zeit die Raumantwort aus. Alles, was über der Gatemarkierung liegt, ist quasi Freifeld (edit: wenn man das Fenster vor die Reflektion legt, versteht sich ..).

Plüschus
21.11.2013, 17:28
Nee,

nicht langweilig ............


Ja, langweilig, ich weiß :bull_head:

........... gut ist das .

Gruß Thomas

Franz
22.11.2013, 00:45
Kompliment, bruce. Soweit ich als weitgehender Laie die Messungen beurteilen will, sieht das richtig beindruckend gut aus im Sinne von wünschenswert. Man muß es aber mal mit Musik hören. So, wie`s ausschaut, hast du wieder mal was richtig Anständiges auf die Beine gestellt, ich weiß deine Arbeit dahingehend schon zu würdigen, schließlich steht hier bei mir auch einer deiner Bausätze. Und der macht nach dem Enspielen - das brauchte einige Zeit, speziell für den Bändchenhochtöner - eine wirklich sehr gute Figur.

Bruce
22.11.2013, 09:48
Kompliment, bruce. Soweit ich als weitgehender Laie die Messungen beurteilen will, sieht das richtig beindruckend gut aus im Sinne von wünschenswert. Man muß es aber mal mit Musik hören. So, wie`s ausschaut, hast du wieder mal was richtig Anständiges auf die Beine gestellt, ich weiß deine Arbeit dahingehend schon zu würdigen, schließlich steht hier bei mir auch einer deiner Bausätze. Und der macht nach dem Enspielen - das brauchte einige Zeit, speziell für den Bändchenhochtöner - eine wirklich sehr gute Figur.

Danke Franz! Musik kann man damit auch hören :welcoming:, Hörtermine bei mir, bei Interesse bitte per PN mit mir vereinbaren. Ja, der Bändchenhochtöner ist eine kleine Diva. Ich habe die Forenbox ja immer noch bei mir rumstehen (räusper!). Wenn sie längere Zeit nicht gespielt wurde, klingt der Hochtonbereich etwas muffig. Man muss ihm immer etwas Beschäftigung geben oder vorher tüchtig einspielen. Bei regelmäßigem Musikgenuss ist das aber kein Problem und dann spielt er auf hohem Niveau. Hätte ich vorher auch nicht gedacht, aber man lernt nie aus.

Die Darling ist diesbezüglich anders, die Kalotte braucht diesen Vorlauf nicht. Für einen Seas Hochtöner ist der Verlauf weniger glatt als gewöhnlich, aber ich wollte den Mittelhochtonereich aus dem gleichen Membranmaterial gestalten. Schlussendlich habe ich das ganz gut hinbekommen.

Bruce
26.11.2013, 09:50
So, ich reiche mal noch eine unkalibrierte Klirrmessung nach.
Unkalibriert, weil ich zwar die entsprechenden Daten meines Mikrofons habe, ich aber zu strack bin, die USB Karte zu vermessen, so dass ich nicht genau weiß, wie laut der Pegel gerade absolut ist. Ich kann Euch aber versichern, dass der Klirr bei ziemlich hohem Pegel gemessen wurde. Der reale Pegel war also wesentlich höher als die gezeigten 75dB, ich schätze ihn auf 95dB. Ich leg´mir noch ein (genaues!) Pegelmessgerät zu, dann ist das mit der absoluten Kalibrierung leichter.

Zu beachten: das ist eine Hörraummessung mit allen Raumeinflüssen. Deswegen ist der Bezugs-FG auch nicht mehr so schön glatt wie oben, insbesondere meine prominenten 38Hz Mode und die destruktiven Auslöschungen im Bassbereich sind zu beachten. wer aber schon mal Hörraummessungen gemacht hat, wird konstatieren, dass mein Hörraum gar nicht mal so übel ist (hätte ich 1/3 Oktave geglättet, läge die Spreizung ab 100 Hz in einem 5db Schlauch, ab 1 kHz sogar viel besser) , er ist auch akustisch behandelt, um die Moden muss ich mich noch kümmern.

Das gezeigte Diagramm ist also Klirr vom Laustprecher und Klirr vom Raum zusammen. Alle Klirrkomponenten liegen hierbei ab ca 50 Hz unter 1% (=40db Dämpfung). Das ist ein ganz ausgezeichnetes Ergebnis, ich hatte es angesichts des Konzepts nicht anders erwartet, alle Chassis spielen sozusagen in besonders bevorzugten Bereichen.

http://abload.de/img/klirroxxnt.jpg